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Indische Aktien kaufen und vom Boom profitieren?

Veröffentlicht am 17.09.2022 | Lesedauer: 20 Minuten

Von Ibrahim Demiröz

 Sind Indien Aktien die bessere Alternative zu China Aktien?

Nachdem immer mehr Anleger Abstand von chinesischen Aktien nehmen, rückt Indien als Alternative in den Mittelpunkt. Zweifelsohne bietet das Land mit der Größe und Vielfalt enorme Chancen für die Zukunft und auch Apple hat erst kürzlich bekannt gegeben, dass das neue iPhone nach einer gewissen Zeit in dem Schwellenland produziert wird. In Metropolregionen wie Bangalore haben sich zudem längst die größten IT-Konzerne der Welt angesiedelt und es bildet sich eine Art neues Silicon Valley.

In diesem Blog hat sich Ibo in den letzten Wochen die aktuelle Lage in Indien genauer angesehen und untersucht die Chancen, Risiken und den Ausblick für die indischen Aktien. Lohnt sich hier ein Investment? Worauf solltest du achten?

Indische Aktien und die Rupie: Genug Potenzial trotz vieler Risiken für Anleger?

Ausländische Investoren stoßen Anteile ab

Die indischen Aktienmärkte erlebten in den letzten neun Monaten einen beispiellosen Exodus ausländischer Anleger. Die Nettoabflüsse von Aktien in Höhe von 36 Mrd. USD seit Oktober letzten Jahres (per 31.07.2022) haben nun die gesamten ausländischen Aktienzuflüsse in Höhe von 38 Mrd. USD, die in den vorangegangenen 18 Monaten zu verzeichnen waren, zunichte gemacht. Die indischen Aktienkurse – die sehr empfindlich auf die Zuflüsse ausländischer Investoren reagieren – sind im gleichen Maße gefallen.

Underperformance von indischen Aktien

Der starke Ausverkauf durch Ausländer war ausschlaggebend für die jüngste, leichte Underperformance Indiens im Vergleich zu seinen Pendants in den aufstrebenden Volkswirtschaften und den asiatischen Schwellenländern.

Diese Underperformance Indiens gegenüber der EM-Benchmark ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die Anleger wieder in chinesische Aktien stürzten, die Anfang des Jahres auf sehr niedrige Niveaus gefallen waren. Die Performance indischer Aktien lag in den letzten Monaten gleichauf mit der von EM-Aktien (ohne China). Mitte Juni änderte sich die Lage aber wieder und die indischen Aktien gewannen wieder an Fahrt.

Makroökonomische Rahmenbedingungen

Allerdings ändern sich die globalen makroökonomischen Rahmenbedingungen allmählich. Die Ölpreise haben begonnen zu sinken, was für Indien, das ein großer Rohölimporteur ist, unter dem Strich positiv ist. Auch die inländischen Wachstumsindikatoren Indiens scheinen anständig zu sein, was auf einen stabilen Umsatzausblick hindeutet. Diese Börse könnte daher für ausländische Anleger, deren indische Aktienbestände derzeit recht gering sind, wieder attraktiv werden.

Negativ zu vermerken ist, dass die relativen Bewertungen Indiens im Vergleich zu den aufstrebenden Volkswirtschaften und den asiatischen Schwellenländern nach wie vor sehr hoch sind – sowohl nach regulären Maßstäben als auch in konjunkturbereinigter Betrachtung.

Ist der Ausverkauf bei indischen Aktien vorbei?

Aktuelle Bewertung

Der anhaltende Ausverkauf bei indischen Aktien lässt sich auf eine Abwertung zurückführen. Das nachlaufende Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist von einem pandemischen Höchststand von 39 auf 21 deutlich gesunken, während das vorlaufende KGV ebenfalls von 24 auf 19 gefallen ist.

Allerdings scheint der Rückgang der Multiplikatoren, einer der beiden Triebkräfte für die Aktienkurse, in einem späten Stadium zu sein. Die Gründe dafür sind die folgenden:

Hohe Rohstoffpreise

Die Rohstoffpreise sind die einzige Quelle der derzeitigen Inflation in dieser Wirtschaft. Ein Rückgang der weltweiten Rohstoffpreise wird daher den Inflationsdruck im Allgemeinen und die Erzeugerpreise in Indien im Besonderen dämpfen.

Die indischen Erzeugerpreise sind eng an die weltweiten Rohstoffpreise gekoppelt. Daher werden sich die Rohstoffpreise in den nächsten Monaten abschwächen. Für die indischen Unternehmen bedeutet dies, dass ihre Rohstoffkosten sinken werden.

Da sich die globalen Rohstoffpreise jedoch weniger stark auf die indische Verbraucherinflation auswirken, wird diese nicht so stark zurückgehen. Mit anderen Worten: Der Verbraucherpreisindex wird im Verhältnis zum Erzeugerpreisindex steigen.

Dies wirkt sich in der Regel positiv auf die Gewinnspannen der Unternehmen aus. Daher ist in den kommenden Monaten mit einer gewissen Unterstützung für die Gewinnspannen der Unternehmen zu rechnen.

Betrachtet man nur Rohöl, so zeigt sich eine ähnliche Dynamik. Jeder Rückgang der Rohölpreise wirkt sich positiv auf die Gewinnspannen der indischen Unternehmen aus, wenn auch mit einer Verzögerung von einigen Monaten. Daher werden in den kommenden Monaten, wenn die Rohölpreise fallen, auch die Gewinnspannen der Unternehmen eher früher als später einen Boden finden.

Weitere Entwicklung der Bewertung an der Indien Börse

Die Gewinnspannen wiederum sind ein wichtiger Faktor für die Aktienmultiplikatoren. In Erwartung eines weiteren Margenrückgangs in der Zukunft sind die indischen Multiplikatoren bereits auf das Niveau vor der Pandemie gefallen. Wenn die Gewinnspannen nicht so stark schrumpfen, kann man davon ausgehen, dass auch der weitere Rückgang der Multiples begrenzt sein wird.

Die gleiche Botschaft ergibt sich, wenn wir das zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis (Shiller KGV) Indiens betrachten: Auch dieses hat sich am unteren Ende der Spanne der letzten 10 Jahre verbilligt – und berücksichtigt damit bereits einen massiven Rückgang der EBITDA-Margen.

Ein ähnliches Argument lässt sich für die Zinskosten der Unternehmen anführen. Die Zinskosten der indischen Unternehmen dürften nicht so stark steigen, wenn die Inflation ohne wesentliche Zinserhöhungen durch die Zentralbank eingedämmt werden kann.

In der Tat bewegen sich die indischen Gesamt- und Kerninflationsraten weitgehend in einer Bandbreite – anders als in den meisten Industrieländern sowie in Lateinamerika und den EMEA. Die Chancen stehen gut, dass sie sich bei nachlassenden Rohstoffpreisen geringfügig abschwächen werden. Sollte dies der Fall sein, wäre die Zentralbank weniger geneigt, die Zinssätze erheblich anzuheben.

Das nachlaufende Kurs-Gewinn-Verhältnis Indiens ist auf die Durchschnittswerte vor der Pandemie gesunken, womit bereits ein erheblicher Teil der künftigen Zinserhöhungen abgezinst ist. Wenn die Zinssätze nicht so stark ansteigen wie befürchtet, wird auch die weitere Abwertung von Aktien begrenzt sein.

Wie groß ist der bevorstehende Ertragsdruck?

Wachstum in Indien 

Die Rohstoff- und Zinskosten der indischen Unternehmen werden sich wahrscheinlich etwas abschwächen. Auch die Lohnstückkosten dürften kaum steigen, da die Löhne weiterhin gedämpft sind und die robusten Kapitalinvestitionen darauf hindeuten, dass die Arbeitsproduktivität weiterhin anständig zunehmen wird. All dies wird ein weiteres Schrumpfen der Gewinnspannen verhindern. Doch damit die Unternehmensgewinne weiterwachsen können, brauchen die Firmen auch steigende Einnahmen. Die nächste Frage ist also, wie viel Umsatzwachstum kann erwartet werden?

Die Einnahmen der großen nichtfinanziellen Unternehmen in Indien haben das Niveau vor der Pandemie sowohl in Landeswährung als auch in US-Dollar bereits weit übertroffen. Auch die Aussichten für ihre künftigen Einnahmen scheinen zufriedenstellend zu sein: 

Die Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor weisen alle ein ordentliches Expansionsniveau auf.

Die erwarteten Auftragsbücher sind ein Indiz dafür, dass sich die Expansion in absehbarer Zukunft fortsetzen wird.

Da Indien kein großer Exporteur von Industriegütern ist, würde ein drohender Rückgang des weltweiten Verbrauchs von Konsumgütern das Land nicht so stark treffen wie viele andere aufstrebende Volkswirtschaften.

Eine von der Indischen Zentralbank (RBI) durchgeführte Umfrage zu den industriellen Aussichten zeigt, dass die Unternehmen davon ausgehen, dass ihre Kapazitätsauslastung und die Zahl der Beschäftigten in naher Zukunft deutlich steigen werden. Dies deutet auf eine robuste Wirtschaft in der Zukunft hin.

Kreditvergabe als Indikator

Die Kreditvergabe der indischen Banken hat sich stark beschleunigt, was auf eine steigende Wirtschaftstätigkeit hindeutet. Die Industrieproduktion folgt in der Regel mit einigen Monaten Verzögerung und das dürfte auch dieses Mal nicht anders sein.

Und schließlich deutet das starke Wachstum der Investitionen nach der Pandemie darauf hin, dass die Bankkredite noch viel schneller wachsen müssen.

Der Verschuldungsgrad der indischen Wirtschaft ist nach wie vor niedrig. Die Bankkredite lagen in den letzten zehn Jahren bei nur etwa 50-55 % des BIP. Die Gesamtverschuldung, einschließlich der Anleiheemissionen von Nicht-Finanzunternehmen, stagniert ebenfalls auf einem mittelmäßigen Niveau von 65-70 % des BIP. Eine begrenzte Verschuldung bedeutet, dass es viel Spielraum für die Aufnahme von Krediten und die Einleitung eines neuen Investitionszyklus gibt.

Sollte dies der Fall sein, wäre dies sehr positiv für indische Aktien im Allgemeinen und Bankaktien im Besonderen, die mit 23 % das größte Gewicht im MSCI India Index haben.

Aussicht und Zusammenfassung

Noch wichtiger ist, dass ein investitionsgestütztes Wachstum die Wettbewerbsfähigkeit und die Gewinne der indischen Unternehmen langfristig steigern würde. Investitionen steigern die Arbeitsproduktivität, was dazu beiträgt, die Lohnstückkosten zu senken. Dies wiederum verbessert sowohl die Wettbewerbsfähigkeit als auch die Gewinnspannen. Dies wird auch dazu beitragen, den strukturellen Inflationsdruck in der Wirtschaft zu mindern, da niedrigere Lohnstückkosten die Preise niedrig halten würden.

Unterm Strich ist es angesichts der guten Wachstumsaussichten unwahrscheinlich, dass die Gewinne der meisten indischen Unternehmen nominal schrumpfen werden. In diesem Fall würde ein geringfügiger Rückgang ihrer Gewinnspannen gegenüber dem derzeitigen Niveau dazu führen, dass der Rückgang des Gewinns pro Aktie, wenn überhaupt, ebenfalls begrenzt sein wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Aussichten für beide Triebkräfte der indischen Aktienkurse, die Multiplikatoren und das EPS, nicht so düster sind, wie es zu Beginn dieses Jahres schien.

Was ist mit der Rupie?

Jüngste Entwicklung der indischen Rupie

Die indische Währung hat gegenüber dem US-Dollar an Wert verloren, da sowohl die Leistungsbilanz als auch die Kapitalbilanz unter Abwärtsdruck standen. In den kommenden Monaten dürfte sich jedoch beides geringfügig verbessern.

Aufgrund der weltweit hohen Rohstoffpreise ist das indische Handelsbilanzdefizit im Juni auf einen neuen Tiefstand gesunken. Auch der Leistungsbilanzsaldo schwächt sich ab. Sollten die Rohstoffpreise jedoch ihren Höhepunkt in diesem Zyklus erreicht haben, würden sich die indischen Handels- und Leistungsbilanzdefizite in den kommenden Monaten verringern.

Die Verschlechterung der Kapitalbilanz kann auf Portfolioabflüsse zurückgeführt werden. Bei den ausländischen Direktinvestitionen und anderen Kapitalströmen, die von Natur aus stabiler sind, sind weiterhin ordentliche Zuflüsse zu verzeichnen.

Aussicht

Da die Rückführung ausländischer Portfolios weitgehend abgeschlossen ist, ist es wahrscheinlich, dass die Kapitalbilanz in den kommenden Quartalen wieder einen Überschuss aufweisen wird. Denn während die Netto-Portfolioabflüsse gegenüber dem derzeitigen hohen Niveau deutlich zurückgehen würden, dürften andere Komponenten der Kapitalbilanz angesichts der guten langfristigen Wachstumsaussichten des Landes im Überschuss bleiben.

Wenn dies der Fall ist, könnte es bedeuten, dass die Abwertung der Rupie ebenfalls zu spät kommt. Die Veränderungen in den indischen Kapitalströmen wirken sich stark auf die indische Währung aus. Während die anhaltende weltweite Risikoabschwächung den Dollar kurzfristig zu stark ansteigen lassen könnte, sind die Aussichten für die Rupie mittel- bis langfristig recht positiv. 

Im Übrigen ist die Rupie gegenüber dem US-Dollar in Kaufkraftparität-Bedingungen bereits extrem billig. Eine weitere Abwertung, wenn überhaupt, dürfte sich daher in Grenzen halten. Dies macht die Rupie auch für langfristige Anleger attraktiv. 

Vergleich zu anderen Schwellenländerwährungen

Bemerkenswert ist, dass die Rupie im Vergleich zu anderen Schwellenländerwährungen in den letzten Jahren gut abgeschnitten hat. Dies dürfte auch weiterhin der Fall sein, da das Wachstum in Indien wahrscheinlich stärker bleiben wird als in den meisten aufstrebenden Volkswirtschaften. Das wird Kapital aus dem Rest der Welt anziehen – jenseits aller kurzfristigen Ängste – und die Währung stützen.

Leitzins der RBI

Und schließlich wird die Rupie durch die Verbesserung der Zahlungsbilanz weniger unter Abwärtsdruck stehen, so dass die RBI weniger geneigt sein wird, die Leitzinsen zu erhöhen, um die Abwertung der Währung zu mildern. Weniger Zinserhöhungen sind, wie bereits erläutert, positiv für die Aktienkurse.

Fazit für Investoren

Indische Aktien kaufen?

Das Hauptrisiko für indische Aktien sind die globalen Entwicklungen: die laufenden Zinserhöhungszyklen weltweit, der Wachstumseinbruch in den entwickelten Märkten, der starke US-Dollar, das mittelmäßige chinesische Wachstum und die negativen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine. Daher bleiben die indischen absoluten Aktienkurse in den kommenden Monaten anfällig. Absolute-Return-Investoren sollten die Entwicklungen daher genau beobachten.

Auch bei der relativen Performance Indiens sollte man vorsichtig bleiben. Unter Abwägung aller Vor- und Nachteile sollten Aktienanleger den indischen Markt weiterhin mit Vorsicht genießen , ihn aber auf eine “Upgrade-Watchlist“ setzen.

Indische Anleihen kaufen?

Indische Staatsanleihen sind für festverzinsliche Anleger in den Schwellenländern nicht so attraktiv, da sich der Renditeunterschied zu anderen Schwellenländern bereits erheblich verringert hat.

Auch in Zukunft könnte sich das Renditegefälle nicht zu Gunsten Indiens verändern. Der Grund dafür ist, dass die indischen Renditen wahrscheinlich leicht ansteigen oder zumindest stabil bleiben werden, wenn die Wirtschaft an Fahrt gewinnt.

Insbesondere eine bevorstehende Verlangsamung des Welthandels wird das indische Wachstum nicht so stark beeinträchtigen wie das der meisten anderen Schwellenländer. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die indischen Renditen im Vergleich zu denen der anderen Schwellenländer stärker fallen.

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