• Blog
  • Elektromobilität – die Automobilindustrie im Wandel

Elektromobilität – die Automobilindustrie im Wandel

Veröffentlicht am 20.10.21 | Lesedauer: 15 Minuten

Von Sven Klünder 

 Die Automobilindustrie im Wandel

Die deutsche Automobilindustrie ist eine Schlüsselindustrie für unsere Volkswirtschaft. Lange Zeit galt der Verbrennungsmotor als Nonplusultra. Doch dieser Ruf bekam mit dem Dieselskandal erste  Risse. Inzwischen geht der Trend klar zur Elektromobilität. Für alle Unternehmen der Prozesskette im Automobilbau wird dies Veränderungen bedeuten.

In diesem Blog gehen wir auf die Situation der Automobilindustrie und daran beteiligten Unternehmen näher ein.

Die Bedeutung der deutschen Automobilindustrie

Weltweit ist Deutschland als Industrie- und insbesondere als Automobilstandort bekannt. Mittels Zahlen lässt sich dies eindrucksvoll bestätigen:

Als wichtigster Industriezweig Deutschlands erzielte die Automobilindustrie 2019 einen Umsatz von fast 440 Milliarden Euro. 2020 sank diese Zahl coronabedingt etwas. In Abbildung 1 ist der Anteil der Umsätze für ausgewählte Industriezweige des verarbeitenden Gewerbes dargestellt. Hier liegt die Automobilindustrie mit  über 40% deutlich an der Spitze.

Mit etwa 810.000 Beschäftigen arbeitet beinahe jeder 100. Deutsche in der Automobilindustrie. Entweder direkt bei den großen Herstellern oder indirekt bei Zulieferbetrieben.

Produktionstechnisch liefert sich Deutschland einen Wettkampf mit Indien um Platz 4 der meisten hergestellten Fahrzeuge pro Jahr. Auf den Rängen 1-3 liegen China, die USA und Japan.

Und auch zum Ruf als Exportweltmeister trägt die Automobilindustrie mit etwa 185 Milliarden Euro deutlich bei. Bei den weltweiten Automobilexporten ist Deutschland führend. Die Exportquote liegt bei 65%.

Abb. 1: Die Automobilindustrie ist der wichtigste Industriezweig im verarbeitenden Gewerbe

Zusammenfassend lassen sich also zwei entscheidende Punkte ableiten:

  1. Die Automobilindustrie hat einen entscheidenden Einfluss auf den Wirtschaftsstandort Deutschland, sowohl was Umsätze, aber auch was Arbeitsplätze angeht.
  2. Die Automobilindustrie ist stark exportabhängig. Um langfristig erfolgreich zu sein, ist daher also die globale Wettbewerbsfähigkeit essentiell.

Ein Industrie im Wandel

Lange Zeit war das Automobil eng mit dem Verbrennungsmotor und damit der Auswahl zwischen Benzin und Diesel verbunden. Exoten aus Kalifornien, die ausschließlich auf Elektro setzen, wurden nicht Ernst genommen und die Vorzüge der bewährten Verbrennungstechnologie betont.

Mit dem Dieselskandal um Abschalteinrichtungen und nicht erfüllte Abgasnormen kamen erste Zweifel am klassischen Verbrenner auf. Hier deutete sich an, dass die immer weiter steigenden Umwelt- und Abgasnormen langfristig nicht erfüllt werden können.

Mit dem wachsendem Umweltbewusstsein der Öffentlichkeit und den EU-Zielen bis 2050 Klimaneutral zu sein wurde der Veränderungsdruck für die Hersteller weiter erhöht. Als Folge kündigten die europäischen Hersteller nacheinander an im Zeitraum von 2028 – 2035 aus der Verbrennungstechnologie auszusteigen. Auf politischer Ebene wird ein Verbot der Verbrenner diskutiert.

Das gewachsene Umweltbewusstsein lässt sich auch an den Neuzulassungen 2020 ablesen. Der Anteil der reinen Verbrenner betrug nur noch 75%. In den Vorjahren lag die Quote hier deutlich über 90%.

Es ist also unstrittig: Sowohl Veränderungswille seitens der Hersteller aber auch Veränderungsdruck seitens der Kunden und Politik sind gegeben.

Abb. 2: Der Anteil der Neuzulassungen von reinen Verbrennern in Deutschland sinkt

Gleichzeitig werden Parallelen zum Niedergang der Automobilindustrie in Detroit gezogen. Die großen drei amerikanischen Hersteller – Ford, General Motors und Chrysler – verpassten es Ende der 60iger Jahre die Konkurrenz aus Japan und Deutschland ernst zu nehmen. Umso höher ist also der Erfolgsdruck für die deutsche Automobilindustrie.

Doch was bedeutet eigentlich Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor? Welchen Einfluss hat dies auf die einzelne Bauteile und auf Unternehmen?  Schauen wir uns dies anhand einiger Beispiele an:

Das Getriebe

Für den Antrieb eines Autos ist das Getriebe genauso wichtig wie der Motor selbst. Das Getriebe überträgt das Drehmoment (Arbeit) des Motors auf die Räder und ist damit für die Fortbewegung essentiell.

Verbrennungsmotoren arbeiten nur in einem bestimmten Drehzahlbereich effektiv. Eine weitere Funktion des Getriebes ist es daher, das Zusammenspiel zwischen Motordrehzahl und Raddrehzahl zu steuern, also mittels Übersetzungen die Raddrehzahl an die jeweilige Fahrsituation anzupassen.

Hierfür gibt es zwei bekannte Wege: Das (manuelle) Schaltgetriebe oder das Automatikgetriebe.

Elektroautos benötigen theoretisch kein Getriebe. Im Gegensatz zum Verbrennungsmotor liefern sie über einen großen Drehzahlbereich ein konstantes Drehmoment.

Abb. 3: Elektroautos kommen theoretisch komplett ohne Getriebe aus

In der Praxis wird ein Ein-Gang Getriebe verbaut, welches den Motor besser händelbar macht. Fahrtechnisch ist dies in etwa mit einem Automatikfahrzeug vergleichbar. Getriebehersteller bauen inzwischen Versuchsweise Zwei-Gang Getriebe für Elektroautos. Diese sollen den Wirkungsgrad und damit die Reichweite von Elektroautos um 5-10% erhöhen. 

Magna International

Magna International ist ein österreichisch-kanadischer Automobilzulieferer. Magna wurde 1957 gegründet. Weltweit ist der Konzern in 28 Ländern aktiv, mit über 160.000 Beschäftigten an über 400 Standorten.

In Deutschland hat Magna an den großen Automobilstandorten wie Wolfsburg oder Ingolstadt Standorte sowie einen Produktionsstandort in Heilbronn. Das Unternehmen bietet ein diversifiziertes Produktportfolio an. Die Bereiche Karosseriebau, autonomen Fahren, Steuergeräten, Spiegel, Konsolen oder Beleuchtung sind unabhängig von der Antriebsart. Im Bereich Elektromobilität bietet Magna Antriebssysteme sowohl als hybride als auch als voll elektrische Variante. Zum Umgang mit dem Getriebebau im konventionellen Antriebsbereich trifft Magna keine Aussage. Insgesamt ist Magna ist durch das breite Produktportfolio gut für Elektromobilität aufgestellt.

 

Abb. 4: Trendeinordnung für Magna International

Betriebstoffe

Neben dem Kraftstoff benötigt ein Auto noch weitere Betriebsstoffe. Diese sind u.a. Motoröl, Getriebeöl, Bremsflüssigkeit oder Kühlflüssigkeit.

Motoröl verhindert, dass der Motor während der Fahrt beschädigt wird. Es schmiert die beweglichen Teile im Motor, kühlt Bereiche, die von der Kühlflüssigkeit nicht erreicht werden, verhindert Korrosion und entfernt Fremdkörper wie Ruß oder metallischen Abrieb.

In einem Elektroauto ist Motoröl nicht mehr notwendig, da bewegliche Teile des Verbrennungsmotors wie Kolben und Zylinder wegfallen.

Getriebeöl wird auch im Elektroauto weiterhin benötigt, allerdings mit veränderten Anforderungen. Aufgrund der teils hohen Drehzahlen des Elektromotors ist hier insbesondere Hitzebeständigkeit gefordert.

Bremsflüssigkeit und Kühlflüssigkeit werden im Elektroauto ebenfalls weiter benötigt. Besonders bei der Kühlflüssigkeit ändern sich die Anforderungen, da sie essentiell für das Wärmemanagement und damit die Lebensdauer des E-Antriebes ist.

Abb. 5: Das klassische Motoröl wird im Elektromotor nicht mehr benötigt

Fuchs Petrolub

Fuchs Petrolub ist ein deutscher Konzern im Mineralöl- und Chemiesektor. Das Unternehmen wurde 1931 gegründet. Der Börsengang erfolgte 1985. Fuchs Petrolub ist der weltweit größte, unabhängige Anbieter von Schmierstoffen.

Die Produkte von Fuchs lassen sich auf zwei Bereiche aufteilen:
Der Bereich Industrieschmierstoffe ist für ca. 55% der Erlöse verantwortlich. Hier werden Produkte wie Kühlschmierstoffe zur Metallbearbeitung, Korrosionsschutz, Industrieöle oder Schmierfett angeboten.
Der Bereich Automobilschmierstoffe ist für ca. 45% der Erlöse verantwortlich. Bei den Produkten handelt es sich hier um Getriebeöle, Flüssigkeiten für Stoßdämpfer, Schmierfette und Motoröl.
Fuchs Petrolub hat die sich verändernden Anforderungen an Betriebsstoffe für Automobile analysiert und forscht verstärkt in den Bereichen Getriebeöl, Kühlmittel und Schmierfette für Elektroautos. Ziel ist es, hier weiterhin einer der Technologieführer zu sein.

Mit Shell haben wir bereits einen weiteren Anbieter von Betriebsstoffen von Automobilen für dich analysiert.

Abb. 6: Trendeinordnung für Fuchs Petrolub

Wälzlager

In einem Auto gibt es eine Vielzahl von beweglichen Teilen. Damit diese ihre Bewegung am richtigen Ort ausüben werden Lager benötigt. Die Gesamtzahl im Automobil ist stark von der Bauart, der Marke und der Ausstattung abhängig. Die Mindestzahl liegt bei ca. 40 Stück. Besitzt das Auto beispielsweise eine Klimaanlage, so kommen 2 Lager für den Klimakompressor hinzu.

Die Elektromobilität wird die Anzahl der Lager deutlich reduzieren. Dies liegt unter anderem an einem komplett anderen Motoraufbau als auch an der deutlichen Reduzierung der Getriebekomplexität hin zu Ein-Gang (oder eventuell Zwei-Gang) Getrieben, wie weiter oben erläutert. 

Bei den verbliebenen Lagern werden sich die Bauart bzw. die Anforderungen ändern. Lager sind grundsätzlich nicht dafür ausgelegt Ströme zu leiten. In Elektroautos können aber durch die verbauten Komponenten vermehrt Störströme entstehen. 

Abb. 7: Lagerungen halten bewegte Teile wie Wellen und Achsen an Ort und Stelle

Um dem entgegenzuwirken muss in einigen Bereichen auf isolierte Lager, wie Keramiklager, gesetzt werden. Keramiklager bieten gleichzeitg den Vorteil, dass sie wartungsärmer sind und die höheren Drehzahlen des Elektromotors besser verkraften. 

Schaeffler

Schaeffler ist ein deutscher Zulieferer der Maschinenbau- und Automobilindustrie. Das Unternehmen geht auf den Kauf der in Konkurs geratenen Davistan AG 1940 zurück. Die jüdischen Vorbesitzer mussten vor dem aufkommendem Nationalsozialismus fliehen. Der Börsengang erfolgte 2015. Schaeffler ist größter Aktionär von Continental mit 46% der Aktien.

Die Schaeffler Gruppe ist in drei operative Bereiche unterteilt. Automotive Technologie, Automotive Aftermarket und Industrial. Zusammen machen die beiden Automobilbereiche 75% der Umsatzerlöse der Gruppe aus. Zu den Produkten der Gruppe zählen u .a. Getriebeteile, Nockenwellenversteller, Kupplungssysteme und Lagerkomponenten. Neben den Lagern befinden sich auch die Getriebeteile in einem Wandel (siehe weiter oben). Nockenwellen werden im Elektromotor nicht mehr benötigt. Schaeffler kennt die eigene Abhängigkeit von der Automobilindustrie und arbeitet daran, die Produkte an die Anforderungen der E-Mobilität anzupassen. Im Bereich Lagerungen setzt Schaeffler daher verstärkt auf Keramiklagerungen, um die Isolation im E-Auto sicherzustellen. Zusätzlich ist das “digitale Lager” ein Forschungspunkt, bei dem das Lager gleichzeitig der Informationssammlung hinsichtlich Temperatur, Belastung oder Drehzahl dient. Ergänzend arbeitet in der operativen Einheit Automotive Technologie eine Businessunit an Lösungen für die Elektromobilität und bietet Komponenten für den E-Antriebsstrang an.

Abb. 8: Trendeinordnung für Schaeffler

Riementechnik

Riemen wurden bereits in der vorindustriellen Zeit zur Übertragung von Bewegung genutzt. Im Automobil mit Verbrennungsmotor sind Riemen essentiell für den Betrieb.

Der Keilriemen dient als Treibriemen. Er überträgt die Kraft des Motors auf Nebenaggregate. Zu den wichtigsten Nebenaggregaten zählen: Der Generator, die Servolenkung, die Wasserpumpe, die Hydraulikpumpe, der Klimaanlagenkompressor und der Lüfter. Je nach Bauform können die Nebenaggregate auch rein elektrisch und damit nur mittelbar vom Keilriemen angetrieben werden.

Der Zahnriemen oder – je nach Bauart – auch Kettentrieb steuert den präzisen Verbrennungsvorgang im Motor. Er wird von der Kurbelwelle angetrieben und steuert die Nockenwelle. Über die Nockenwelle wird sichergestellt, dass die Ventile zuverlässig und zum richtigen Zeitpunkt schließen.

Bei einem Auto mit Elektroantrieb sind beide Bauteile nicht mehr notwendig. Der Motor unterscheidet sich in seiner Bauform, sodass kein Zahnriemen nötig ist. Die Nebenaggregate werden ausschließlich elektrisch über den Akku betrieben.

Abb. 9: Keilriemen und Zahnriemen werden im E-Auto nicht mehr benötigt

Continental

Continental ist ein deutscher Zulieferer der Automobilindustrie. Das Unternehmen wurde 1871 als Aktiengesellschaft gegründet. Größter Einzelaktionär ist Schaeffler mit 46% der Aktien.

Continental ist in zwei Bereiche unterteilt. Gummiprodukte und Automobiltechnologie.
Im Bereich Automobiltechnologie sind die Businessunits autonomes Fahren und Sicherheit, Fahrzeugnetzwerk und Informationen sowie Antriebstechnik. Die Antriebstechnik wurde am 16. September 2021 als Spin-Off unter dem Namen Vitesco Technologies an die Börse gebracht. Hier sind werden Antriebssysteme für Verbrenner und Elektroautos entwickelt und produziert.  Der Bereich Automobiltechnologie ist größtenteils unabhängig von der Antriebsart.
Im Bereich Gummiprodukte sind die Businessunits Reifen und technische Kunststoffe angeordnet. Continental ist durch die breite Produktpalette gut für die Elektromobilität aufgestellt. Im Bereich Gummiprodukte machen Zahn- und Keilriemen neben vielen anderen Gummiprodukten nur einen kleinen Teil aus. Unabhängig vom reduziertem Bedarf in der Automobilindustrie wird es auch weiterhin Abnehmer für Riemenprodukte geben.

Abb. 10: Trendeinordnung für Continental

Abschluss

Die deutsche Automobilindustrie ist für die Volkswirtschaft von großer Bedeutung. Gleichzeitig steht sie durch die Abkehr vom Verbrennungsmotor hin zur E-Mobilität vor einer großen Veränderung. Dabei gilt es den Vorsprung, den einige Konkurrenten, allen voran Tesla, bereits haben, wieder aufzuholen. Positiv zu betonen ist dabei, dass alle der hier vorgestellten Unternehmen bereits die Herausforderungen erkannt und Maßnahmen eingeleitet haben. Zudem bieten alle vier auch Produkte an, die unabhängig von der Antriebsart zum Einsatz kommen. Spannend ist natürlich auf die Frage, wie die aktuelle Situation bei den Herstellern aussieht. Eine Antwort darauf geben wir dir am Sonntag in unserer Aktienanalyse von Volkswagen.

Wie siehst du die Digitalisierung der Produktion?

Welches Unternehmen ist für dich ein interessantes Investment?

Ich bedanke mich fürs Lesen und hoffe auf ein baldiges Wiedersehen bei Wir Lieben Aktien.

Liebe Grüße

Sven Klünder

Autor dieses Blogs:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Blogbeiträge könnten dich auch interessieren:

Du hast Feedback?

Verbesserungsvorschläge, Anregungen, Lob, Kritik? 

Wir nehmen alles dankend an! Nur so können wir unsere Arbeit verbessern. Schreibe uns einfach auf Discord. 

Transparenzhinweis und Haftungsausschluss:
Die Autoren haben diesen Beitrag nach bestem Wissen und Gewissen erstellt, können die Richtigkeit der angegebenen Informationen und Daten aber nicht garantieren. Es findet keinerlei Anlageberatung durch “Wir Lieben Aktien”, oder durch einen für “Wir Lieben Aktien” tätigen Autor statt. Dieser Beitrag soll eine journalistische Publikation darstellen und dient ausschließlich Informationszwecken. Die Informationen stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Börsengeschäfte sind mit erheblichen Risiken verbunden. Wer an den Finanz- und Rohstoffmärkten handelt, muss sich zunächst selbstständig mit den Risiken vertraut machen. Der Kunde handelt immer auf eigenes Risiko und eigene Gefahr. “Wir Lieben Aktien” und die für uns tätigen Autoren übernehmen keine Verantwortung für jegliche Konsequenzen und Verluste, die durch Verwendung unserer Informationen entstehen. Es kann zu Interessenkonflikten kommen, durch Käufe und einen darauffolgenden Profit durch eine positive Kursentwicklung von in Artikeln erwähnten Aktien. 

Mehr Infos unter: https://wir-lieben-aktien.de/haftungsausschluss/