TeamViewer Aktie Crash! Was ist passiert?

Veröffentlicht am 06.10.2021 | Lesedauer: 10 Minuten

Von Christian Lämmle 

TeamViewer Aktie im Sinkflug – Kaufchance oder ein fallendes Messer?

Am 06. Oktober veröffentlichte TeamViewer die vorläufigen Zahlen zum dritten Quartal des aktuellen Geschäftsjahres 2021. Die Aktie gab daraufhin rund 25 % nach und setzt damit den Abwärtstrend der letzten Wochen weiter fort. Seit dem Allzeithoch hat TeamViewer nun über 60 % an Wert einbüßen müssen: Ist das also die Gelegenheit einzusteigen?

62 % Kursverlust: Die Trends bei TeamViewer

Vom Allzeithoch hat die Aktie Stand 06.10.2021 um 15:00 rund 62 % „korrigiert“ und damit endgültig alle Trends auf abwärts gestellt.

Was ist bei dem Unternehmen los?

Was stört die Investoren bei TeamViewer?

Am meisten stört die Investoren bei TeamViewer, dass die Firma enorm aggressiv mit Marketingausgaben bekannt werden wollte. Geworben wird auf der Brust von Manchester United und bei der Formel 1 im Mercedes-Team. Dadurch wurde bereits im März 2021 die erwartete EBITDA Marge entsprechend von mindestens 55 % auf 49 % bis 51 % gesenkt.

Diese Meldung sorgte bereits für ein Abrauschen der Aktie um mehr als 20 %.

In einem Podcast vom OMR, am 18.04.2021, hat der CEO Oliver Steil die These aufgestellt, dass TeamViewer an einer amerikanischen Börse wohl deutlich mehr Wert wäre als an einer deutschen. Allgemein wurde betont wie gut das Produkt von TeamViewer doch ist – eine Überraschung ist diese Aussage vom eigenen Geschäftsführer aber nicht. Auch das Ziel bis 2023 die 1 Mrd. EUR an Umsatz zu erreichen wurde thematisiert. Für Investoren waren diese Aussagen wohl wenig beeindruckend. Die Aktie fiel immer weiter und weiter.

Auch eine gemeinsame Partnerschaft mit SAP konnte den Kurs nicht nachhaltig nach oben befördern.  Die Partnerschaft umfasst die Aufnahme der Augmented Reality-Lösung von TeamViewer in die Frontline des SAP Angebots sowie gemeinsame Vermarktungsaktivitäten.

Das sind grundsätzlich erst einmal positive Nachrichten für Investoren. Dennoch führte auch dies nicht zu einer nachhaltigen Gegenbewegung.

Was wurde heute bekanntgegeben?

Am 06.10.2021 wurden die vorläufigen Zahlen vom dritten Quartal bekanntgegeben. Demnach wuchs der Umsatz um 18 % gegenüber dem Vorjahresquartal. Rein sachlich betrachtet ein ordentliches Wachstum. Der Konzern hatte aber mehr als 20 % prognostiziert. Daher ist dies die erste Enttäuschung. Die zweite folgt durch die angepasste EBITDA-Marge für das dritte Quartal, welche bei 34 % liegt. Insgesamt wird nur noch eine EBITDA Marge von bis zu 46 % erwartet. Diese wird somit nochmals weiter gekürzt! Die Net Retention Rate (NRR) erhöhte sich im Vergleich zum Q2 2021 von 88 % auf 96 %.

Was ist die NRR?
Die Net Retention Rate (NRR) ist der Prozentsatz der wiederkehrenden Umsätze, die von bestehenden Kunden in einem bestimmten Zeitraum erzielt werden (einschließlich Erweiterungsumsätze, Herabstufungen und Kündigungen). Diese Abwanderungskennzahl gibt einen umfassenden Überblick über positive und negative Veränderungen in Bezug auf die Kundenbindung.

Diese ist folglich ordentlich, aber bei anderen Tech-Dienstleistern auch teilweise weit über 100 %. Splunk z.B. hat hier regelmäßig 125 % – 130 %. Auch Snowflake hat eine ähnlich hohe Rate.

Ein weiterer Dämpfer bringt das Großkundengeschäft. Dieses wächst zwar, jedoch langsamer als erwartet.

Weiter sind die Umsatzerwartungen eine herbe Enttäuschung. Bisher wurden zwischen 525 Mio. EUR und 540 Mio. EUR erwartet. Jetzt werden nur noch 495 Mio. EUR bis 505 Mio. EUR in Aussicht gestellt. Ein starker Rückschlag!

Für mich sind die stärksten Probleme die Umsatzprognosen, welche enorm gekürzt wurden. Im besten Fall liegt das Wachstum von 2020 auf 2021 somit noch bei 10 %. Das entspricht nicht mehr einem enorm schnell wachsenden Konzern. Vor allem nicht, wenn man bedenkt wie viel Kapital für das Marketing ausgegeben wird. Logisch ist, dass sich dies auf die Marge auswirkt.

Ob das zukünftige Wachstum stark gefährdet ist, ist schwer abzuschätzen, aber wie man an den panischen Verkäufen der Marktteilnehmer erkennt, nehmen diese es an. Vor allem wenn man Konkurrenten wie AnyDesk betrachtet, welche TeamViewer Marktanteile abnehmen können. AnyDesk hat sich auf ihrer Webseite auch als „das bessere TeamViewer“ dargestellt. In Abbildung 4 sieht man die Argumente, welche Anydesk dafür heranzieht. Zusätzlich hat AnyDesk auf ihrer Webseite einen Vergleich über ihre Produkte angerfertigt, welche die „Überlegenheit“ gegenüber TeamViewer verdeutlichen soll. Diese wird in Abbildung 5 verdeutlicht. 

Eins ist klar, TeamViewer hat nun ein klares Vertrauensproblem. Natürlich keines wie bei Wirecard oder anderen dubiosen Bilanzskandalen, aber das Vertrauen in die zukünftigen Aussichten ist stark gefährdet. Mit dieser Folge hat es TeamViewer natürlich schwer das Vertrauen zurückzugewinnen.

Die Bewertung von Teamviewer nach aktuellen Kriterien

Unter Bewertungsgrundsätzen betrachtet muss man differenzieren, wie man die Zukunft abschätzt. Ich habe dies daher unter zwei verschiedenen Annahmen kalkuliert. Einmal die pessimistisch und einmal die optimistisch. Unter den pessimistischen Annahmen komme ich auf eine Überbewertung von 71 %, bei einem Kurs von 18,44 EUR. Die Renditeerwartung würde ich somit auf 2,7 % pro Jahr betiteln.

Optimistisch betrachtet komme ich auf eine Unterbewertung von – 5 % und einer Renditeerwartung von 11,5 % pro Jahr.

Ich gehe daher davon aus, dass die Wahrheit hier irgendwo zwischen diesen beiden Annahmen liegt. Ich bin jedoch tendenziell eher pessimistisch eingestellt und würde hier jedem Anleger empfehlen neutral an die Betrachtung heranzutreten. Wichtig ist die Frage:  Traue ich TeamViewer das Wachstum und die Profitabilität zu, welches sie n der Vergangenheit gezeigt haben? Oder gehe ich davon aus es wird deutlich schlechter laufen als bisher?

Meine Bewertung bekommt ihr durch einen Klick hier! Hier könnt die Annahmen austauschen wie ihr möchtet.

Wie gehe ich nun mit meiner kleinen Position bei TeamViewer um?

Ich bin nach dem derzeitigen Trend stark dazu geneigt meine überaus kleine Position an TeamViewer Aktien abzustoßen. Von meiner Seite aus fehlt das Vertrauen. Ich werde allerdings den Wochenschlusskurs abwarten und dann wie immer am Wochenende die Premiummitglieder über mein Vorgehen informieren.

Soviel zum Thema TeamViewer.

Mit besten Grüßen
Christian Lämmle

Autor dieses Blogs:

Christian Lämmle
Christian Lämmle

"Markets are never wrong, only opinions are."
- Jesse Livermore

4 Antworten

  1. Das Modell hat leider einen großen methodischen Fehler. Seit wann werden Gewinne, welche nur den Aktionären zustehen, mit dem WACC abgezinst? Hier müsste der EK-Satz angesetzt werden.

    Wie der WACC abgeleitet wird, wird leider gar nicht transparent gemacht. Ein WACC von über 10% im aktuellen Marktumfeld erscheint mir auch bei dem lausigen Management etwas übertrieben…

  2. Hi ich grüße dich Sean,

    zunächst vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

    Nun zum Modell. Ja auch die zukünftigen Gewinne müssen dem WACC unterworfen werden. Dies ist sowohl beim Ertragswertverfahren, als auch beim Disounted Cashflow Modell notwendig.

    Über die Höhe der Abzinsung lasse ich aber gerne mit mir streiten. Mir ist durchaus bewusst, dass die Berechnung des WACC eine hochkomplex (zumindest relativ gesehen inkl. Marktrisikozuschlag und Beta) ist. Normalerweise würde man in der Praxis den WACC für jedes Jahr einzeln berechnen (Periodenabgrenzung). Dies würde bei uns allerdings den Rahmen sprengen. Daher gehen wir mit einem einheitlichen WACC, welchen wir tendenziell immer etwas hoch kalkulieren. Wir wegen das in Form von Risikofaktoren ab. Eine 100 % transparente Methode ist hier sehr schwer, wir versuchen in unseren Analysen immer relativ genau darauf einzugehen warum wir welchen WACC genommen haben. Dennoch hast du natürlich recht und man kann diese Kommunikation besser lösen. Im Update war das nur nicht meine erste Priorität. 🙂

    Ich persönlich finde einen WACC von 10 % nicht extrem hoch. Vor allem wenn man berücksichtigt wie ungewiss die Erträge von TeamViewer denn sind.

    Wenn du aber trotzdem anderer Auffassung bist kannst du dich gerne bei uns via mail an [email protected] schreiben. Dann können wir uns gerne offen über die Bewertungsthematik unterhalten.

    Beste Grüße

    Christian!

  3. Danke für die ausführliche Rückmeldung. Die Aussage zum Ertragswertverfahren stimmt jedoch so nicht. Beim Ertragswertverfahren wird genauso Wie beim Equityverfahren Mit dem Cost of Equity diskontiert (vgl. U.a. Unternehmensbewertungen erstellen und verstehen: Ein Praxisleitfaden Von Prof. Ernst und Schneider). Zudem sieht der IDW S 1 keine Berücksichtigung von willkürlichen Zuschlägen vor. Für die individuellen, unternehmensspezifischen Risiken dient der Equity-Beta-Faktor. Dieser trägt alle Risiken bereits ab, Weshalb sich ein niedriger Diskontierungssatz und ein deutlich höherer Unternehmenswert darstellen sollte

  4. Moin Sean,

    sorry hatte zunächst nicht gemerkt, dass du geantwortet hattest.

    Jetzt aber nochmal zu der These von dir. Zunächst wir bewerten hier vereinfacht und ausdrücklich nicht nach IDW S1 (glaube das ist wichtig zu verstehen). Wo du recht hast, die Gewinne werden methodisch nicht mit dem WACC sondern dem Eigenkapitalzins verzinst. Danach ist der Begriff des WACCs durch Eigenkapitalzins zu ersetzen. Zusätzlich gehen wir durchgehend von einer fiktiven Vollausschüttung aus. Die Berechnung des Eigenkapitalzins werden wir trotzdem durch solche Branchenüblichen Zinssätze und Zu- und Abschläge errechnen.

    Ich hoffe ich konnte dir die Frage gut beantworten.

    VG

    Christian Lämmle

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