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BioNTech Aktie Analyse

Nachhaltiges Wachstum oder Hype?

Analyse vom 15.12.2024

von Adrian Rogl und Jan Fuhrmann

Kurzvorstellung

BioNTech SE, das deutsche Biotechnologieunternehmen mit Sitz in Mainz, erlangte im Jahr 2020 weltweite Bekanntheit, als es zusammen mit Pfizer einen der ersten zugelassenen COVID-19-Impfstoffe entwickelte. Der revolutionäre mRNA-Impfstoff wurde zum Symbol der Hoffnung in der globalen Pandemie und bescherte BioNTech sowohl enormen Umsatz als auch eine beispiellose Aufmerksamkeit. Um zu bewerten, ob BioNTech auch nach der Pandemie ein lohnenswertes Investment ist, haben wir die Aktie hinsichtlich der Pipeline und der Potenziale genau analysiert. Doch mit dem Abflauen der Pandemie und einer zunehmend gesättigten Marktsituation für COVID-19-Impfstoffe stellt sich eine entscheidende Frage: Hat BioNTech auch jenseits von Krisensituationen das Potenzial, langfristig als globaler Player in der Biotechnologie-Branche zu bestehen? In dieser Analyse werfen wir einen Blick auf die bisherigen Errungenschaften, die langfristige Unternehmensstrategie und die Diversifikation in andere Anwendungsfelder wie Krebsimmuntherapien, um zu bewerten, ob BioNTech auch ohne pandemiebedingten Rückenwind eine zukunftsfähige Investition darstellt.

1. Das Unternehmen

Geschäftsmodell

Einleitung

Gemeinsam mit Pfizer hat BioNTech den ersten Impfstoff gegen COVID-19 entwickelt und dadurch auf dem gesamten Globus Bekanntheit erlangt. Den meisten Menschen ist vermutlich gar nicht bewusst, dass sich das des Mainzer Biotechnologieunternehmen im Rahmen seiner Forschungs- und Entwicklungsarbeit mit einer Vielzahl an Therapiebereichen befasst und in diesen über eine vielversprechende Pipeline verfügt.

Dabei verfolgt BioNTech einen interessanten Ansatz: Das Unternehmen ist der festen Überzeugung, dass das Immunsystem des Menschen „der grundlegende Treiber für den therapeutischen Erfolg bei Krebs, Infektionskrankheiten und anderen schweren Krankheiten ist“. Folglich befasst sich das Unternehmen rund um den Gründer und CEO Uğur Şahin mit der Forschung an Arzneimitteln, welche sich die Mechanismen des Immunsystems zunutze machen. Dieses soll mithilfe der Medikamente von BioNTech dabei unterstützt werden, „sowohl externe Bedrohungen wie Infektionskrankheiten als auch interne Bedrohungen wie Krebs effektiv zu erkennen“. Den Ansatz von BioNTech und den aktuellen Entwicklungsstand des Unternehmens wollen wir in den folgenden Abschnitten näher beleuchten.

Bevor wir dazu kommen, ist jedoch ein Blick auf die aktuelle Ausgangsbasis von BioNTech interessant. Wie in Abbildung 1 dargestellt und wie wir im weiteren Verlauf der Analyse noch näher thematisieren werden, verfügt das Unternehmen über eine komfortable finanzielle Positionierung. Diese ist in erster Linie mit dem Erfolg des Vakzins gegen COVID-19 hervorzuheben, durch welchen das Cashpolster von BioNTech stark angewachsen ist. Diese finanziellen Mittel nutzt man seitdem, um die Forschung und Entwicklung voranzutreiben, sodass bereits in 2026 erste Medikamente im Bereich der Onkologie eingeführt werden könnten. Ab 2030 und darüber hinaus will BioNTech auch andere Teilbereiche der Branche bespielen, sodass man zu einem diversifizierten Anbieter mit einem vielfältigen Produktportfolio heranwachsen möchte.

Therapiebereiche und Wirkstoffklassen

Aktuell fokussiert sich BioNTech auf zwei Therapiebereiche: Onkologie sowie die Behandlung von Infektionskrankheiten. Unter ersterem Begriff versteht man jenen Teilbereich der Medizin, welcher sich mit der Krebsforschung befasst. Letzterer Therapiebereich von BioNTech umfasst in erster Linie die Entwicklung von Impfstoffen gegen Tuberkulose und Malaria.

Für Impfstoffe bzw. Medikamente gegen diese Erkrankungen gibt es verschiedene Herangehensweise bzw. Wirkstoffklassen. Aktuell beschäftigt sich BioNTech mit den folgenden: mRNA-Therapeutika, Programmierbare Zelltherapien, Proteinbasierte Therapeutika und Small Molecules.

Zugegeben, wenn man nicht vom Fach ist, sind diese Ansätze äußerst schwierig zu verstehen. Dennoch wollen wir die verschiedenen Wirkstoffklassen zumindest kurz umreißen:

  • mRNA-Therapeutika: Durch Boten-Ribonukleinsäure (messenger RNA) werden genetische Informationen an Zellen geliefert, wo sie die Produktion von Proteinen für therapeutische Zwecke anregen.
  • Programmierbare Zelltherapien: Zellen von betroffenen Patienten werden modifiziert, sodass sie auf krebsspezifische Antigene abzielen.
  • Proteinbasierte Therapeutika: Entwicklung von Antikörpern, welche zur Behandlung verschiedener Tumorarten geeignet sind.
  • Small Molecules: Niedermolekulare Verbindungen bzw. Small Molecules werden benutzt, um bestimmte Prozesse des Immunsystems auszulösen und zu verstärken, um die Wirksamkeit anderer Arzneimittelklassen zu verstärken.

Pipeline

Wie zuvor bereits beschrieben, ist BioNTech durch den Erfolg von Comirnaty, dem Impfstoff gegen COVID-19, eine große Menge an finanziellen Mitteln zugeflossen. Dadurch konnte das Mainzer Biotechnologieunternehmen noch aggressiver als zuvor in das eigene Research (Forschung und Entwicklung) investieren und hier einen klaren Fokus legen. Dieser Umstand spiegelt sich in der Pipeline wider: Diese umfasst aktuell 46 Medikamente, von denen sich 13 Stück in der zweiten Phase einer klinischen Studie befinden. Vier Medikamente befinde sich gar in Phase 3 und könnten bei einem erfolgreichen Abschluss dieser in absehbarer Zukunft zugelassen werden.

Insgesamt ist die Pipeline von BioNTech als diversifiziert und weitaus vielversprechender als noch vor drei Jahren zu bewerten, da sie nicht nur eine höhere Anzahl an potenziellen Arzneimitteln umfasst, sondern sich insgesamt auch in einem fortgeschritteneren Stadium befindet. Diesen Aspekt hatten wir im Rahmen von unserem letzten großen BioNTech Research deutlich bemängelt. Einen Auszug des aktuellen Entwicklungsstands werden wir im Rahmen der Chancen und Risiken aufgreifen und visualisieren.

Historie

Gründung

Die Gründung von BioNTech erfolgte 2008 durch Prof. Dr. Ugur Sahin, Prof. Dr. Özlem Türeci und Prof. Dr. Christoph Huber mit dem Ziel, individualisierte Krebsimmuntherapien zu entwickeln. Bereits im Folgejahr erweiterte BioNTech seine Kapazitäten durch den Erwerb von EUFETS und JPT Peptide Technologies.

RNA-Technologie

2012 wurde die erste klinische Phase-1-Studie mit einer RNA-Immuntherapie gegen Melanome gestartet. Zwei Jahre später folgte die Einführung der ersten klinischen Studie mit einer individualisierten RNA-Immuntherapie, die heute als iNeST bekannt ist. Im Folge dessen etablierte das Unternehmen zahlreiche strategische Partnerschaften mit Unternehmen und Institutionen wie Bayer, Genentech, Siemens, Sanofi und Pfizer, um die Pipeline weiter auszubauen.

Mitte des letzten Jahrzehnts erreichte das Unternehmen einen Meilenstein mit der Veröffentlichung von Daten zur RNA-Krebsimmuntherapie in der Fachzeitschrift Nature sowie der ersten intravenösen Verabreichung von mRNA-Impfstoffen beim Menschen. Weitere wissenschaftliche Durchbrüche folgten, darunter klinische Ergebnisse mit iNeST und mRNA-kodierten bispezifischen Antikörpern, die 2017 veröffentlicht wurden. Im Jahr 2019 folgte der Börsengang an der NASDAQ Global Select Market unter dem Tickersymbol BNTX.

Mit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie startete BioNTech 2020 das „Projekt Lightspeed“ zur Entwicklung eines sicheren und wirksamen Covid-19-Impfstoffs. Gemeinsam mit Pfizer konnten sie als erster die Notfallzulassung direkt nach der Phase-3-Studie erhalten. Im gleichen Jahr eröffnete BioNTech eine Produktionsstätte in Marburg, die 2021 zu einer der größten mRNA-Produktionsstätten wurde.

Akquisition

Weitere strategische Akquisitionen, wie Neon Therapeutics (2020), eine T-Zell-Rezeptor-Plattform von Kite (2021) und PhagoMed BioPharma (2021) stärkten die Forschungs- und Entwicklungsbasis des Unternehmens. Klinische Fortschritte wie der Start von Studien für einen individualisierten mRNA-Krebsimpfstoff und ein Malaria-Impfstoffprogramm sowie der Spatenstich für Produktionsanlagen in Afrika konnten die globale Ausrichtung stärken und unterstreichen.

Mit der Einführung des modularen BioNTainer-Konzepts zur skalierbaren Impfstoffproduktion und weiteren Fortschritten in der Entwicklung neuer Therapien setzt BioNTech seine Vision fort, innovative Lösungen für globale Gesundheitsprobleme zu schaffen.

Mission, Werte und Nachhaltigkeit

Mission

Wir wollen die Gesundheit der Menschen weltweit verbessern, indem wir das volle Potenzial des Immunsystems nutzen. Unsere Basis sind unsere biotechnologischen Innovationen. BioNTech SE

Vision

Die Mission spezifiziert BioNTech in der eigenen Vision noch genauer: Bei Immuntherapien möchte man eine neue “Ära” einleiten und generell gegen Krebs und andere Infektionskrankheiten innovative Ansätze entwickeln.

Wichtig sind für das Unternehmen dabei die eigenen Leitprinzipien:

  • wissenschaftliche Rigorosität
  • operative Exzellenz

Laut eigener Aussage setzt sich BioNTech auch für einen berechtigten und bezahlbaren Zugang zu COVID-19-Impfstoffen für alle Länder ein.

Werte

Das Unternehmen präsentiert selbst drei Werte, die die alltägliche Arbeit stets begleiten sollen:

BioNTech Aktie Analyse Werte

Im Bereich CSR (Corporate Social Responsibility), also der gesellschaftlichen Unternehmensverantwortung, sieht sich BioNTech in den folgenden Segmenten gefordert:

BioNTEch Aktie Analyse CSR

Nachhaltigkeit

In Bezug auf den Klimawandel möchte BioNTech bis zum Jahr 2030 vollständig klimaneutral sein. Generell orientiert man sich an den Pariser Klimazielen und bezieht bereits jetzt 92 % des gesamten Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen.

Im Nachhaltigkeitsbericht betont das Unternehmen mehrmals die Rolle der Frauen im Unternehmen, welche auch in den führenden Ebenen viele Positionen einnehmen. 54 % der gesamten Mitarbeiter*innen sind weiblich und im oberen Management beläuft sich die Quote auf 45 %. Des Weiteren setzt sich BioNTech gegen eine Benachteiligung wegen des Geschlechts bei der Bezahlung ein.

Im Bereich der Forschung sind auch heute Tierversuche noch gängig, wozu BioNTech aber klar Stellung bezieht. Für das deutsche Unternehmen gilt das 4R-Prinzip, wonach diese Versuche vermieden (replace), verringert (reduce) und verbessert (refine) werden sollen. Darüber hinaus müsse man Verantwortung für die Tiere und die Versuche zeigen (responsibility).

Im Rahmen der Nachhaltigkeit muss aber unbedingt auch der Ehrenpreis für Nachhaltigkeit erwähnt werden, den die Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci im Dezember 2020 für die Entwicklung des Corona-Impfstoffs erhalten haben. Der Preis würdigt ökologisches und gesellschaftliches Engagement und ist der in diesem Bereich bekannteste in Deutschland. Für ihre Leistung zur Eindämmung der Corona-Pandemie erhielten die Gründer zudem auch das Bundesverdienstkreuz im März 2021.

Geschäftsführung

Dr. Ugur Sahin

Sahin ist ein Aktionär, Co-Founder und der CEO von BioNTech sowie ein weltweit anerkannter Experte in der Entwicklung von mRNA-basierten Medikamenten und Immuntherapien. Mit seiner medizinischen und immunologischen Expertise hat er bedeutende Beiträge zur Bekämpfung von Krebs und Infektionskrankheiten geleistet.

Er spielte eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von mRNA-Technologien und leitete das „Projekt Lightspeed“, das zur historischen Entwicklung des ersten mRNA-basierten COVID-19-Impfstoffs führte. Innerhalb von nur elf Monaten konnte dieser Impfstoff von der Laborforschung bis zur bedingten Zulassung gebracht werden.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit auf der Forschung und Entwicklung von mRNA-Krebsimpfstoffen. Diese Impfstoffe werden individuell für Patientinnen und Patienten auf Basis von Sequenzierungstechnologien der nächsten Generation entwickelt, indem einzigartige Mutationen in Tumoren identifiziert werden.

Bei über 500 angemeldeten Patenten und Patentanmeldungen ist Sahin als Erfinder eingetragen. Zusätzlich war er Professor für Translationale Onkologie und Immunologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, wo er mehr als 50 Doktorandinnen und Doktoranden betreute. Weiterhin ist er Vorsitzender des wissenschaftlichen Vorstands des Helmholtz-Instituts für Translationale Onkologie (HI-TRON).

Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde Sahin mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet, darunter der deutsche Nachhaltigkeitspreis, der Mustafa-Preis und der deutsche Krebspreis. Sahin ist mit Dr. Özlem Türeci, ebenfalls Co-Founder von BioNTech, verheiratet.

CEO-Vergütung

Für das Fiskaljahr 2023 erhielt Sahin ein Grundgehalt i.H.v. 0,70 Mio. EUR, welches durch Short-term Incentives in einem Gegenwert von 0,32 Mio. EUR erweitert wurde. Insgesamt ergab sich damit eine Gesamtvergütung von 1,02 Mio. EUR.

Im Vorjahr lag das Grundgehalt mit 0,36 Mio. EUR ungefähr bei der Hälfte. Jedoch lagen die Short-termin Incentives bei einem Vielfachen. Diese lagen zu der Zeit bei einem Gegenwert von 257,08 Mio. EUR, was gleichzeitig auch maßgeblich die Gesamtvergütung bestimmte.

Aktionärsstruktur

Die Aktionärsstruktur von BioNTech wird mit einem Anteil von 43,80 % deutlich durch AT Impf angeführt. Eine Investmentgesellschaft, die durch die Brüder Thomas und Andreas Strüngmann geleitet wird. Diese verkauften im Jahr 2005 den Generikahersteller Hexal für 5,65 Mrd. EUR an Novartis und nutzen ein Teil des Geldes um über die genannte Gesellschaft in Biotech Firmen zu investieren. Neben BioNTech findet sich auch Curevac in deren Portfolio.

An zweiter Stelle der größten Aktionäre befindet sich der CEO Ugur Sahin selbst, welcher 17,40 % der Anteile hält. 17,00 % davon indirekt über das Unternehmen Medine. Alle weiteren Investoren halten weniger als 5,00 % der Aktien und werden deshalb nicht veröffentlicht.

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